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Big Ben wieder in ganzer Pracht

Ronald Keusch

Impressionen aus der Weltmetropole London




Der Empire-Prachtbau des Natural History Museums in London
F(0)	Der EmDer Prachtbau des Natural History Museums in London


Der Städtetourismus in Europa bleibt im Trend. Ganz vorn in der Rangliste steht die Welt-Metropole London, die jährlich fast 20 Millionen Besucher anzieht. Auch in der Stadt an der Themse ist der Besucher gut beraten, sein Quartier ein wenig abseits von der quirligen und hochpreisigen City zu nehmen. Meine Unterkunft liegt im Nordosten von London und in nur wenigen Minuten Fußweg ist die U-Bahn-Station Preston Road zu erreichen. Ein paar Fahrten mit der „London Underground“, so nennt sich offiziell die Untergrundbahn, für die Londoner ist sie nur kurz die „Tube“, kann schon einiges über die Stadt und seine Bewohner aussagen.



Londoner Tube ohne Maskenzwang


Die älteste U-Bahn der Welt, mit der zweitgrößten Netzlänge in Europa (hinter der Metro Moskau) ist schon lange in der modernen Welt im Zeitalter des kontaktlosen Bezahlens angekommen – das was bei der BVG in Berlin immer noch als Pilotprojekt getestet wird. Der Fahrgast bezahlt kontaktlos „pay as you go“ mit einer gängigen Kreditkarte oder er nutzt gleich sein Handy. Ein halbes Dutzend mobile Bezahlfunktionen werden angeboten, ApplePay, Google Pay oder Samsung Pay sind die bekanntesten. Da komme ich mir mit der guten alten blauen Oyster-Card fast vorsintflutlich vor. Diese weltweit populärste Transport-Smartcard feiert im nächsten Jahr ihren zwanzigsten Geburtstag. Für Touristen ist sie immer noch eine bequeme Alternative. Ich hatte sie irgendwann mal vor 10 Jahren gekauft und – oh Wunder – sie funktionierte noch tadellos und auch ein kleines Guthaben war noch drauf. Übrigens bringen alle „pay as you go“ Varianten gegenüber den einzelnen Papier-Tickets erhebliche Einsparungen: Das schnellere Passieren von Bahnhöfen oder das Einsteigen in Busse, keine Warteschlangen an Schaltern, und garantiert immer den günstigsten Tarif. Die Karten werden an die Scanner an den Zugängen zu den Rolltreppen und Bahnsteigen gehalten und die Schranke öffnet sich. Im Unterschied zu Berliner U- oder S-Bahn haben alle Fahrgäste die Sperren passiert und damit bezahlt. Vorsintflutliche Kontrollen a la Berlin mit flippigen Kontrolleuren entfallen. Die Welt des U-Bahn-Fahrens kann so unkompliziert sein.

Der Elizabeth-Tower des Westminster Palace,
auch kurz „Big Ben“ genannt, mit Churchill-Denkmal
 Der Elizabeth-Tower des Westminster Palace,  auch kurz „Big Ben“ genannt, mit Churchill-Denkmal

Das betrifft gleichermaßen das Tragen von Gesichtsmasken in der U-Bahn und auf den U-Bahnhöfen. Die Maskenpflicht wurde in der Londoner Tube vor etwa zwei Monaten abgeschafft. Natürlich werden hin und wieder noch Masken getragen, allerdings höchstens von jedem zehnten Fahrgast. Und für die Londoner und die Touristen aus aller Welt ist diese Situation gelebte Normalität. Nur die Besucher aus Deutschland stutzen.



Westminster - der Hotspot der Touristen


Die Tube befördert bequem und schnell zur Station Westminster in die City von London. Hier befindet sich unbestreitbar der Hotspot mit der größten Touristen-Dichte. Bei sonnigem Wetter haben sich Tausende beim Westminster Palace, dem britischen Parlamentsgebäude versammelt und werden vom Big Ben begrüßt. Das Wahrzeichen der Weltstadt an der Themse darf bei Sonne wieder wie zu besten Empire-Zeiten glänzen. Nach einer mehrjährigen Renovierung, in der der Glockenturm durch Baugerüste zur Enttäuschung der Touristen verhüllt war, zeigt er sich im Frühjahr 2022 wieder in ganzer Pracht und überragt problemlos die noch vorhandenen Bauzäune zu seinen Füßen. Winston Churchill schaut von seinem Denkmal stoisch auf die Menge, von denen sich einige um die historischen dunkelroten Telefonzellen gruppieren. Für viele eines der typischen Erinnerungsfotos von London für zu Hause.


Der St. James’s Park mit Blick auf das London Eye
Der St. James’s Park mit Blick auf das London Eye


Buckingham Palast dicht umlagert


Ein großer Teil der Besucherströme bewegt sich langsam in Richtung St James`s Park. Hier haben Londoner Familien und viele Pärchen die ausgestreckten gepflegten Rasenflächen in Besitz genommen. Kaum jemand der Spaziergänger verweilt an den Teichen und auf einer Brücke, von der man besonders gut am Horizont das London Eye sehen kann, das überdimensionale Riesenrad aufgestellt an der Themse. Alle haben scheinbar nur ein Ziel: Buckingham Palace, den offiziellen Sitz der englischen Königin und ihrer Familie.


Das Victoria-Memorial vor dem Buckingham-Palast Palastwache mit Bärenfellmütze

Der Palast und das sich vor ihm erhebende 26 Meter hohe Victoria Memorial sind von unzähligen Touristengruppen umlagert. Das Denkmal wurde zu Ehren der Königin Victoria im Jahr 1911 errichtet. Auf seiner Spitze thront eine vergoldete Siegesgöttin. Der kunstvoll geschmiedete hohe Metallzaun und in gehörigem Abstand ein einsamer Wachsoldat mit seiner traditionellen Bärenfellmütze halten die Neugierigen auf Distanz. Ein wenig Nostalgie und Legenden der Tradition des britischen Empire lassen sich selbst durch die bunt gekleideten Touristen-Scharen nicht ganz vertreiben.


Im Green Park
Im Green Park


Ostern im Green Park
Ostern im Green Park

Afternoon Team-Time – very british


Der Weg führt vorbei am Buckingham-Palast weiter durch den Green Park, der ebenfalls bei dem schönen Wetter ausgiebig bevölkert ist, zu einem weiteren Highlight englischer Tradition.


Hier im Sheraton Park Lane Hotel, wie auch in anderen exklusiven Hotels, findet eine legendäre Zeremonie der Londoner statt: Afternoon Tea-Time. Diese Tradition der englischen Mittel- und Oberschicht aus Empire-Zeiten im 19. Jahrhundert hat sich bis in die Gegenwart gerettet und ist noch sehr lebendig. Im Ritz, dem teuersten Hotel Londons, gibt es für die Wochenenden Wartelisten von bis zu einem halben Jahr.

Afternoon Tea - Zeremonie mit Stil
Afternoon Tea - Zeremonie mit Stil

Im Park Lane Hotel sind die hohen Räume mit bequemen Sitzgruppen auf einem erhöhten Podium ausgestattet, gesäumt von kleinen Palmen. Der Gast kann aus insgesamt 26 auserlesenen Teesorten auswählen und dann entscheiden, ob er den Tee mit oder ohne Champagner genießen möchte. Dazu wird ein Edel-Imbiss in einem mehrstöckigen Ständer kredenzt, sorgfältig ausgewählte kleine Sandwich-Stücke mit Gurke, Lachs und Eiersalat, erlesenes Teegebäck, Scones mit und ohne Rosinen, dazu mehrere Sorten edler Marmelade, clotted cream und kleine kunstvoll geformte Kuchenstücke vom Feinsten. Alles very british. Dafür nimmt man sich Zeit und genießt. Tee und Sandwiches werden jederzeit wieder aufgefüllt.






Tea Time im Palmengarten des Sheraton Park Lane Hotels Im Dominion-Theater beim Musical „Dirty Dancing“

Wenn alle klatschen und mitsingen


Zu den beliebtesten Touristenaktivitäten gehört der Besuch einer Show in einem der vielen Theater im Londoner West End. Neben den Theatern am New Yorker Broadway bieten die West End Theater das weltweit höchste Niveau an kommerziellen Musical-Darbietungen in der englischsprachigen Welt. Während sich die Berliner mit einer Spielstätte am Potsdamer Platz und am Bahnhof Zoo zufriedengeben müssen, hat London insgesamt 38 West End Bühnen zu bieten. Im Musical-Theater Dominion wird zum letzten Mal nach langer Saison der Bestseller „Dirty Dancing“ aufgeführt. Alle Plätze sind ausverkauft, aber digital konnte man vor Wochen von Berlin aus noch Tickets ergattern. Unter den hunderten von Besuchern, die klatschen, anfeuern und mitsingen, fallen übrigens die zwei Dutzend mit einer Maske im Gesicht überhaupt nicht auf. Hier darf jeder Zuschauer eine Maske tragen, wenn er will und er es für nötig hält. Normales Leben hat auch in der Kulturszene Einzug gehalten. Mancher Musikliebhaber mag vielleicht die Musical-Story, die ja auf einem Filmdrehbuch beruht, nicht so umwerfend finden und neben den zwei Super-Musikhits „The Time of My Life“ und „She’s Like the Wind“ weitere Ohrwürmer vermissen. Aber die Begeisterung des Publikums, die im Laufe der Aufführung auch die Akteure sichtlich beflügelt, ist ein Erlebnis.


Skelett eines Blauwals in der Haupthalle des Naturhistorischen Museums
Skelett eines Blauwals in der Haupthalle des Naturhistorischen Museums

Die Stars sind die Wildtiere


Ein Besuch in einem der Londoner Museen mit seinen gut sortierten Ausstellungen lohnt immer. Vor allem, wenn man in der City von London unterwegs ist. Das sagten sich auch viele Besucher an diesem Osterwochenende, sogar bei schönstem Wetter.

Das Naturhistorische Museum im neogotischen Architektur-Stil
Das Naturhistorische Museum im neogotischen Architektur-Stil

Viele hundert Besucher strömen in das riesige Gebäude des Londoner Naturhistorischen Museums „Natural History Museum“. Der prächtige Museumsbau wurde im 19. Jahrhundert im neugotischen Stil errichtet, um den bedeutenden naturkundlichen Sammlungen von Fossilien, Mineralien, Flora und Fauna einen neuen Platz zu bieten. Wie alle staatliche Museen In UK gewährt das Museum freien Eintritt, allerdings sollte man nicht vergessen, sich online anzumelden. Der unablässige Strom an Besuchern zeigt dann auch, dass es notwendig ist, Eintrittsfenster zu vergeben, um einen Stau am Eingangstor zu vermeiden. Ein Markenzeichen des Museums ist seine umfangreiche Dinosaurier Ausstellung. Viele der hervorragend erhaltenen Fossilien wurden von der „Fossilienfrau“ Mary Anning im 19. Jahrhundert an der Südküste von England gefunden. Bereits im Alter von 11 Jahren entdeckte sie ein komplettes Ichthyosaurier-Skelett. Das Ausgraben von Fossilien wurde zu ihrer lebenslangen Passion und sie erwarb sich Ansehen bei Sammlern und Wissenschaftlern.


Bilder der Ausstellung „Wildlife Photographer of the Year“
Mushroom Magic Leben in schwarz-weiß
Der Eisbär kommt Erdmännchen posieren

Doch die größte Aufmerksamkeit im Museum hat sich derzeit die Tier-Fotografie verdient. Im Ostflügel des Museums ist die Ausstellung „Wildlife Photographer of the Year“ eingerichtet – und diese war dann auch tatsächlich für diesen Tag komplett ausgebucht. Ich habe selten solche emotional und ästhetisch ansprechende Fotos gesehen. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass die Besucher geradezu bewegt und gerührt sind von den Tierwundern aus allen Gegenden der Welt. Diese exzellenten Motive von Tieren können sicher mehr Verständnis für den Schutz und Erhalt der Natur bewirken als unzählige Referate, Artikel und Verbote. Aber vor allem bringen sie seinen Betrachtern Freude.


Der Gewinner des Publikumspreises: Eissee
Der Gewinner des Publikumspreises: Eissee


Die Engländer und das gepflegte Grün


Die edlen Parkanlagen und das gepflegte Grün werden den Engländern seit jeher als große Kompetenz oder auch Marotte nachgesagt. Die Belege dafür sind in den zentral gelegenen Londoner Parks zu finden, angefangen beim Hyde Park und dem gleich daneben liegenden Stadtgarten Kensington Gardens. Aber lohnend ist auch der Blick aufs Grün außerhalb der Londoner City, beispielsweise im Bezirk Harrow im Nordwesten von London. Weit entfernt von Big Ben und Westminster kann der Besucher bei Wanderungen das alte England des 19. Jahrhunderts treffen. Der Spaziergang startet 14 Kilometer nordwestlich vom Hyde Park im Preston Park und führt dann hinüber in den Northwick-Park. Hier entdeckt man eine riesige Grünfläche, wobei man wissen muss, dass alle Rasenflächen mit mehr als einer Fußballfeldgröße von den Engländern als Park bezeichnet werden.


Im Preston-Park Golf unter blühenden Bäumen im Northwick-Park


Old England in Harrow on the Hill


Das Ziel ist eine der bekanntesten ehrwürdigen englischen Privatschulen ausschließlich für Jungen im Alter von 13 bis 18 Jahren. Der Gebäudekomplex der Schule Harrow on the Hill liegt auf einer Anhöhe, erhebt sich über Land und Leute. Ein Bummel durch die schmalen Straßen mit den einzelnen Gebäuden führt zu einer alten normannischen Kirche The Parish and Borough Church of St. Mary Harrow on the Hill.


Kirche St. Mary Harrow-on-the-Hill Schulkapelle der Eliteschule Harrow-on-the-Hill

Wie eine Informationstafel berichtet, wurde sie im Jahr 1094 geweiht. Die Schule feiert gerade dieser Tage ihr 450-jähriges Bestehen: 1572 wurde sie ausschließlich für Söhne der höheren Stände gegründet. Berühmtheiten wie Lord Byron, Jawaharlal Nehru, König Hussein von Jordanien und Sir Winston Churchill gingen hier zur Schule. Heute hat sie 830 Schüler, die hier in 12 Internaten wohnen und von 700 Angestellten, davon 150 Lehrkräften, betreut werden. Zu der Schule gehören auf 324 Hektar Landfläche 12 Tennisplätze, neun Cricketplätze, sechs Naturschutzgebiete, ein Neun-Loch-Golfplatz, ein landwirtschaftlicher Betrieb, eine Sternwarte, ein Angelsee, und mehrere Gärten, Waldgebiete und Aufführungsorte. Montags, mittwochs und freitags stehen 8 Unterrichtsstunden auf dem Plan, dienstags, donnerstags und samstags jeweils fünf, wobei der Nachmittag für Sport, Musik, Kunst, Theater oder andere Aktivitäten zur Verfügung steht.


Gebäude der Eliteschule Harrow-on-the-Hill
Gebäude der Eliteschule Harrow-on-the-Hill

Der Bummel durch die Schul- und Internatsgebäude ist wie eine Besichtigung von Filmkulissen zu Harry Potter. Die Schulpreise können sich mit ca. 30.000 Pfund Jahresbeitrag durchaus sehen lassen. Der Besucher kann durch die Lücken der einzelnen Gebäude bei guter Sicht einen Blick auf die Silhouette der Innenstadt von London mit dem London Eye erhaschen. Auch der Ausblick ist privilegiert.


Blick von Harrow on the Hill auf London
Blick von Harrow on the Hill auf London


Der Naturpark Colne Valley


Eine weitere Station für die Entdeckung der englischen Parks ist nicht mit der Tube, sondern nur mit dem Mietwagen zu erreichen. Der Colne Valley Regional Park ist der erste große Vorgeschmack auf die großen Landschaftsparks im Westen von London.


Hausboote im Grand Union Canal
Hausboote im Grand Union Canal

Der erst 1965 gegründete Park erstreckt sich von Rickmansworth im Nordwesten bis Staines und der Themse im Südwesten von London. Ein Besucherzentrum befindet sich im Denham Country Park in der Nähe von Uxbridge und ist die zentrale Informationsstelle für den gesamten Colne Valley Park. Von hier gibt es einen leichten Rundwanderweg zum Grand Union Canal, eine der Hauptwasserstraßen von England von Brentford an der Themse bis in den Nordosten von Birmingham.


Er ist insgesamt 137 Meilen lang und führt durch 166 Schleusen. Hier liegt auch die Schleuse Nr. 87 „Denham Deep Lock“, so genannt auf Grund ihrer Tiefe von 3.40 Metern. Am Ufer des Kanals sind auch Wohnschiffe festgemacht, einige der Schiffe machen einen schrottreifen Eindruck und erinnern etwas an die Wohnwagen-Szene in Berlin, nur nicht so bunt. Alles ist sehr naturwüchsig und etwas ungepflegt, auch die ausgedehnten Waldstücke und Weideflächen, nach dem Motto „Lasst es wachsen“ – eben Natur. Hier sind keine Parkgärtner unterwegs, die mit der Grasschere den Rasen stutzen. Das kann die Londoner Familien nicht davon abhalten, hier ausgiebig zu bummeln. Und das sollte natürlich gleichermaßen auch für die London-Touristen gelten.


Im Naturpark Colne Valley
Im Naturpark Colne Valley

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